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Unser Mut. Juden in Europa 1945-48

31. März bis 30. September 2022

Von Białystok über Frankfurt nach Amsterdam, von Berlin über Budapest nach Bari: Die Ausstellung "Unser Mut" ist das erste Projekt seiner Art, das die Vielfalt jüdischer Erfahrungen in der unmittelbaren Nachkriegszeit aus einer gesamteuropäischen, transnationalen Perspektive darstellt. Die Ausstellung wurde im Jüdischen Museum Frankfurt konzipiert und ist als zweite Station im Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung zu sehen.

Zerstörtes Jüdisches Europa

Europa war bis zur Schoa der wichtigste jüdische Kontinent. Dies ruft die Ausstellung zu Beginn ins Gedächtnis. 1945 ist die jüdische Kultur auf dem Kontinent unwiederbringlich zerstört. Für viele Überlebende bedeutet das Kriegsende die Fortsetzung von Flucht und Migration. Einige versuchen in ihre osteuropäische Heimat zurück zu kehren, finden dort jedoch keine überlebenden Verwandten, sondern feindlich gesinnte Nachbarn vor, die sich an ihrem Hab und Gut bereichert haben. Viele fliehen weiter gen Westen in die Displaced Persons Lager der US-amerikanischen Militärverwaltung. Ihr Ziel ist es meist, in das britische Mandatsgebiet Palästina oder in die USA zu gelangen.

Europa 1945

Die Situation der Jüdinnen und Juden in der unmittelbaren Nachkriegszeit ist sehr unterschiedlich. Sie hängt nicht nur damit zusammen, wo und wie sie den Zweiten Weltkrieg überlebt oder in welcher Einheit oder Partisanengruppe sie gekämpft haben oder wohin sie geflüchtet waren. Entscheidend ist auch, wie viele Verwandte und Freunde noch am Leben sind, wem sie zufällig begegnen und welche Hilfe ihnen zu Teil wird. Dabei spielt der Ort, an dem sie sich erneut oder vorübergehend niederzulassen versuchen, eine bedeutende Rolle.

Sieben Orte

Diese unterschiedlichen Voraussetzungen der Überlebenden zwischen Ost- und Westeuropa prägen die Ausstellung, deren Titel sich sowohl auf ein jiddisches Partisanenlied von 1943 als auch auf den Namen der Zeitung des DP-Camps Zeilsheim bei Frankfurt beruft. Im Ausstellungsraum finden sich sieben Installationen, die Städte und Landkreise in Europa porträtieren.

Frankfurt am Main oder (Ost-)Berlin stehen hierzulande weniger bekannten Städte gegenüber wie Białystok in Polen, wo vor dem Zweiten Weltkrieg mehr als die Hälfte der Bevölkerung jüdisch war, die Transitstadt Bari in Süditalien oder die Gegend um die niederschlesische Gemeinde Dzierżoniów, die nach 1945 für wenige Jahre zu einem jüdischen Hoffnungsgebiet in Polen wurde. Filme und Fotografien, Porträts und persönliche Objekte vermitteln einen sinnlichen Eindruck dieser Orte. Autobiografische Texte, gelesen von Ensemblemitgliedern des Schauspiel Frankfurts, ermöglichen es, jüdische Perspektiven unmittelbar nach dem Überleben an diesen Orten kennenzulernen.

Fluchtraum Europa

Zwischen diesen Orten finden sich diverse materielle Zeugnisse, die sich aus der Zeit der Flucht durch Europa in privaten und öffentlichen Sammlungen erhalten haben. Sie erzählen von der Suche nach Verwandten, der existentiellen Not der Überlebenden und Geflüchteten, von den ersten Dokumentationen und Formen des Erinnerns an den Massenmord sowie dem Versuch, an die Kultur der Vorkriegszeit anzuknüpfen und jüdische Traditionen wiederzubeleben. Und sie erzählen von den Anstrengungen, den Kontinent Europa zu verlassen. All die Zeugnisse bestätigen, dass jüdische Überlebende und Flüchtende nicht einer passiven Gruppe von Opfern angehörten, sondern ihr Leben selbst in die Hand nahmen und aktiv gestalteten.

bialystok-pessach-1946 Überlebende in Białystok feiern Pessach, 1946 © Emanuel Ringelblum Jewish Historical Institute, Warschau
JIE-MDS-MXIV 611 Demonstration im DP-Lager Poppendorf, nachdem jüdischen DPs, die nach Palästina wollten, die Einreise von den britischen Behörden verweigert wurde, 1947 © Mémorial de la Shoah, Paris.
USH Junge Mütter spazieren mit ihren Babys im DP-Lager Landsberg, um 1948 © United States Holocaust Memorial Museum, Washington D.C., courtesy of Dorit Mandelbaum

Kunst und Öffentlichkeit

In den unmittelbaren Nachkriegsjahren erschienen auffällig viele Grafiken und Künstlerbücher zur Schoa. Die Quantität und die Wahl dieser Publikationsformen, die sich per se an eine breitere Öffentlichkeit richten, belegt, dass es den Künstlerinnen und Künstlern darum ging, öffentlich Zeugnis ablegen und einen Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs über den
Völkermord an den europäischen Jüdinnen und Juden leisten.

Theater und Literatur

Die zahlreichen temporären Theaterensembles, vor allem in den Displaced Persons Camps der amerikanischen Besatzungszonen, richteten sich wiederum meist an die Flüchtlingsgemeinschaft selbst. Sie versuchten, Bilder, Töne, Sprache und Emotionen für das zu finden, was geschehen war. Darüber hinaus thematisierten sie die Gegenwart in den Transitlagern oder entwarfen und diskutierten erste Zukunftsszenarien. Die Sprache dieser Theateraufführungen wie auch der Literatur war das Jiddische. Als kultureller Ausdruck und sprachliches Transportmittel war es zur einzig verbliebenen Heimat geworden, was auch die rege jiddische Publikationsproduktion in der amerikanischen Zone Deutschlands mit mehr als einhundert unterschiedlichen Zeitschriften und rund dreißig Prosa- und Gedichtbänden in den Jahren nach 1945 bezeugt.

Wendepunkt 1948 – Partikulare und universelle Visionen werden real

Die Ausstellung erzählt bis in das Jahr 1948 und präsentiert einem Reflexionsraum zur neuen Internationalen Ordnung. 1948 ist in vielerlei Hinsicht ein Wendepunkt in der Nachkriegszeit: Europa wird zum Spielfeld des Kalten Kriegs. Im Mai endet das britische Mandat über Palästina. David Ben-Gurion, Israels erster Premierminister, stützt sich auf den Beschluss der
neugegründeten UN-Vollversammlung zur Teilung dieses Gebiets und erklärt einen Teil dieses Territoriums zum unabhängigen Staat Israel. In kommenden Jahren werden hier knapp 400.000 jüdische Geflüchtete aus Europa aufgenommen. Im Dezember 1948 verabschiedet die Generalversammlung der UNO die Grundsätze eines neuen, internationalen Rechtsverständnisses: das Übereinkommen über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Beide Grundsätze werden maßgeblich von jüdischen Emigranten aus Europa vorbereitet und ziehen eine Lehre aus dem Massenmord an den europäischen Jüdinnen und Juden.