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Fluchtgeschichten

Freitag, 26. Januar 2024

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts waren Millionen von Menschen auf der Flucht oder wurden vertrieben. Aktuell sind laut Global Trends Report (UNHCR) 110 Millionen Menschen davon betroffen. Hinter diesen unfassbaren Dimensionen verbergen sich unzählige Einzelschicksale. Die Illustratorin Viktoria Cichoń (Vikunia) hat einige der Geschichten von Flucht und Vertreibung aus unseren Ausstellungen gezeichnet.  

Vikunia arbeitet seit 2014 als freiberufliche Illustratorin in Berlin und konzentriert sich auf Charaktere und ihre Geschichten. Dabei lässt sich von der Großstadt, persönlichen Erfahrungen und politischen Bewegungen inspirieren. Mehr Informationen zur Künstlerin und ihrer Arbeit finden Sie hier.

Fluchtgeschichten illustriert in der Bilderserie:

Bild 1 (Bassem): Welche Bedeutung ein simples Smartphone haben kann, das hat Bassem auf seiner Flucht von Syrien nach Deutschland erfahren. Mit seinem Smartphone nimmt er unterwegs Bilder auf, die die Etappen seiner Flucht dokumentieren. Es dient ihm aber auch dazu, sich zu orientieren, Verbindungen zu anderen aufrechtzuerhalten und sogar, Menschen vor dem Ertrinken im Meer zu retten. Bassem lebt mit seiner Familie in der Kleinstadt Al Qutayfah bei Damaskus. Aufgrund des anhaltenden Bürgerkrieges befürchten die Eltern 2015 seine Einberufung in die syrische Armee. Sie schicken ihn und seinen Bruder auf die Flucht. Im Auto fahren sie zunächst in den Libanon, von dort fliegen sie in die Türkei. In Istanbul kauft Bassem bei einem Schlepper viel zu teure Tickets für die Überfahrt mit einem Schlauchboot nach Griechenland. Erst beim vierten Versuch gelingt es, die riskante Reise über das Mittelmeer anzutreten. Die Brüder steigen in ein überfülltes Boot mit Erwachsenen und Kindern. Mit Hilfe seines Smartphones kann Bassem das Boot nach Lesbos navigieren. Über die sogenannte Balkanroute kommen die Brüder schließlich im November 2015 in Deutschland an. In der Flüchtlingsunterkunft im Berliner Flughafen Tempelhof finden sie zunächst Aufnahme.

Bild 2 (Nata): Nata lebt mit ihrem Mann und dem 12-jährigen Sohn in der Stadt Poltawa in der Ostukraine. Dort arbeitet sie als Managerin im Vertrieb eines großen internationalen Konzerns. Als Russland am 24. Februar 2022 die Ukraine überfällt, befindet sich die Familie gerade im Skiurlaub in Dragobrat im Westen des Landes. Natas Ehemann bricht nach Poltawa auf, um für seine Familie Reisedokumente zu holen und riskiert dabei sein Leben. Am 2. März fliehen Nata und ihr Sohn über Jassinja mit dem Zug nach Lwiw. Von dort fahren sie mit dem Auto weiter über die ukrainisch-polnische Grenze, Krakau und Posen. Nach sieben kräftezehrenden Tagen erreichen sie Berlin.

Bild 3 (Ferger): Die Bauernfamilie gehört der deutschen Minderheit in der Region Syrmien an und wohnt in der Kleinstadt Erdevik. Syrmien liegt heute in Serbien, gehört aber von 1941 bis 1945 zu Kroatien, das zu dieser Zeit mit dem nationalsozialistischen Deutschland verbündet ist. Der kroatische Staat verfolgt die serbische Bevölkerung. In Erdevik kommt es auch zu Konflikten zwischen der deutschen und der serbischen Bevölkerung. Im Sommer 1944 rückt die Rote Armee immer näher. Der Verband der Deutschen in Kroatien bereitet die Evakuierung der deutschen Bevölkerung vor. Mitte Oktober 1944 machen sich auch die Fergers mit einem Pferdewagen auf den Weg. Die Familie besteht zu diesem Zeitpunkt aus sechs Personen: Magdalena Ferger und ihren drei Kindern sowie ihren Schwiegereltern Anna und Simon. Sie schließen sich einem Flüchtlingstreck an, der eine über 1.000 km lange Strecke durch Ungarn, vorbei an Wien und Linz bis nach Oberösterreich zurücklegt. Mitte November kommen die Fergers im österreichischen Regau an und finden Unterkunft bei einem Arzt. Der Familienvater Nikolaus Ferger wird im Sommer 1945 aus britischer Kriegsgefangenschaft entlassen und kommt ebenfalls nach Regau. Zum Kriegsende 1945 ist klar, dass aus der Flucht ein Dauerzustand wird und eine Rückkehr nach Erdevik unmöglich ist. Die Familie beginnt ein neues Leben in Regau.

Bild 4 (Bober): Stanisław Bober kommt aus einer polnisch-armenischen Familie. Bis zum Sommer 1945 lebt er mit seiner Frau Maria und der kleinen Tochter Danuta in der Stadt Stanisławów (heute ukrainisch Iwano-Frankiwsk) im polnischen Ostgalizien. Dort arbeitet er als Fotograf und Lehrer für Werbefotografie. Nach dem Krieg wird Ostgalizien, und damit auch Stanisławów, an die Ukrainische Sowjetrepublik angeschlossen. Aber die Bobers wollen nicht in der Sowjetunion leben. Außerdem fühlen sie sich in der Region nicht mehr sicher, nachdem hier viele Polinnen und Polen von ukrainischen Nationalisten ermordet worden sind. Wie viele andere polnische Landsleute entscheiden sich auch die Bobers, in Richtung Westen auszuwandern. Drei Wochen lang sind sie mit einem Güterzug unterwegs. Das Ziel ihrer Reise kennen sie noch nicht. Unterwegs hält der Zug für neun Tage auf dem Bahnhof Ligota bei Kattowitz. Die Mitfahrenden verbringen die Zeit neben den Gleisen oder auf freiem Feld. Sie bauen sich behelfsweise Unterkünfte und kochen im Freien. Stanisław Bober hält diese Situation in Fotos fest, die heute sehr bekannt sind. Schließlich lässt sich die Familie im oberschlesischen Oppeln nieder, das nun polnisch Opole heißt. Die Stadt ist stark vom Krieg zerstört, aber Stanisław Bober kann sich hier eine neue Existenz als Fotograf, Grafiker, Bühnengestalter und Maler aufbauen.

Bild 5 (Augusta): Augusta Krügers (1913-2015) Flucht wird bei Ende des Zweiten Weltkriegs zu einem wochenlangen Irrweg entlang der Ostseeküste. Mitte März 1945 flieht Augusta vor der heranrückenden Front von Danzig aus auf die Frische Nehrung, eine östlich gelegene Halbinsel. Verzweifelt sucht sie nach einem Schiff, das sie in Sicherheit bringt. Sie kommt bis nach Ostpreußen, muss aber wieder umkehren, weil sowjetische Truppen ihr entgegenkommen. Augusta gerät mehrfach in Lebensgefahr. Die freien Seiten ihres Reisepasses nutzt sie, um ihre dramatischen Erlebnisse festzuhalten. Mitte April schafft sie es endlich auf ein Schiff, das sie nach Dänemark bringt. Zwei Jahre lang lebt sie dort in verschiedenen Flüchtlingslagern und unterrichtet als Lehrerin deutsche Kinder. Erst 1947 darf Augusta nach Deutschland ausreisen.